Von Uwe Lammers (Arbeitssoziologe)
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Zum Thema der “Sozialen Unsicherheit” wird derzeit viel geschrieben, diskutiert und geforscht. Ganze Institute, Gewerkschaften, Verbände (u.v.a.) beschäftigen sich - im Grunde seit den 80er-Jahren, der “Geburtsstunde” der Flexibilisierungen unter Kohl und Lambsdorff -, mit dem Problem der Veränderung unseres Alltags, unseres Arbeitslebens und der sozialen Absicherung und Unsicherheit. Oft wird in dem Zusammenhang auch davon gesprochen, man “müsse wieder aufstehen, sich wehren, zusammenrücken, sich alter Stärke besinnen” usw. Die Gewerkschaften hätten doch über Jahrzehnte genug erreicht, was nun quasi im Federstreich über Nacht entwertet, abgeschafft würde und immerfort wird. Leider stimmt das zum größten Teil, dass alte Erfolge nichts mehr wert sind und ich stimme sicherlich zu, dass man sich dagegen wehren muss. Nur leider weiß man seit Karl Marx (1818 - 1883), dass die Arbeiter bei fortschreitender “Verelendung” nicht zusammenrücken und zur Revolution stürmen, sondern für sich alleine bleiben und weiter absinken - dies wird oft als Marx´ Irrtum der Geschichte bezeichnet, denn Marx sagte ja bekanntermaßen einen Aufstand voraus. Ich plädiere daher dafür, sich erst grundlegender Strukturmerkmale zu erinnern und zu vergewissern, um nicht in quasi babylonischer Sprachvielfalt Argumente durcheinander zu würfeln. Auch “Die Arbeitslosen von Marienthal” (Eine Studie in Oberösterreich von Marie Jahoda, Paul F. Lazarsfeld, Hans Zeisel; 1933; kann man auch heute noch als Taschenbuch für 8 € kaufen!) liefern einen guten Eindruck über die Wirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit, Isolation und Stagnation. Nun kann man sich darüber endlos in akademischen Zirkeln mit Fremdwörtern und über wissenschaftliche Effekte und Begriffsschärfe streiten, sodass es außerhalb des akademischen Vereins niemand mehr versteht. Ich halte es aber für sinnvoller, gerade hier einen kurzen Überblick, eine kleine Einführung zu geben, die jeder verstehen kann. Denn die Erfolge der politischen Bildung zeigen, dass man nur verändern und beeinflussen kann, was man auch versteht, anstatt gegen unsichtbare Gegner und Windmühlen anzulaufen. Zudem sollte man die geschichtliche Entwicklung immer ein bisschen mitdenken, wenn man das Morgen mitgestalten möchte.
Sei einigen Jahren spricht man in den Sozialwissenschaften von dem sog. “Negativen Individualismus” (Robert Castel: Die Metamorphosen der sozialen Frage. Eine Chronik der Lohnarbeit; Frankreich 1995; Deutsche Erstauflage 2000; 2008: 401 - 413). Bedeutet, dass die Lohnarbeit, wie wir sie heute kennen, mit Vertragsrechten, Tarifrecht usw., erstmal einen recht langen geschichtlichen, politischen Weg hinter sich hat. Das geht - als Zeitraffer - von Sklavenhaltung über Adel und Bauerngesellschaften im Mittelalter und Reformation bis zum Bürgertum des 19. Jahrhunderts und dem Frühkapitalismus und der Industrialisierung, die ja bekanntermaßen der Anfang unserer heutigen Gesellschaftsform waren. Gesetze wie das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) entstanden zu der Zeit, da Besitz und Eigentum auch bestimmte Rechte garantierte. Zudem entstand eine “soziale Differenzierung”. Dies bedeutet, dass durch Kapital, Fabriken, Stadtwachstum und neue Arbeitsformen eine Vielzahl neuer Berufe und soziale Schichten entstanden. Allerdings war “Lohnarbeit” damals das Übelste was einem passieren konnte, was ja bekanntermaßen Kritiker wie Marx & Co. auf den Plan rief. Die Arbeitsbedingungen waren mies, die Lebens- und Wohnformen nicht minder besser. Gewerkschaften und Sozialgesetzgebungen entstanden; letztere allerdings oft leider auch nur vor dem Hintergrund der Rentabilität und Sicherheit der Unternehmen, der Kapitalisten und Industriellen. Sämtliche Sozialgesetzgebung durch Bismarck Ende des 19. Jahrhunderts waren Entgegenkommen der Reichsregierung für die Industrie. Wirkliche Aufstände und Bürgerkriege hat es in Deutschland und dem dem vormaligen Reich bis auf wenige Ausnahmen nie gegeben; Reformen kamen “von oben”, vom Staatsapparat, um ihre Machtansprüche zu sichern.
Kurzum entstanden durch diese Anfänge über viele Jahrzehnte immer mehr wirkliche individuale soziale Schutzrechte und Einrichtungen, wie bspw. Kündigungsschutz, Mutterschutz, Jugendschutz, Teilzeitarbeit, Arbeitslosenversicherungen, Sozialhilfe, ärztliche Versorgung, Krankenkassen, Parteien, Gewerkschaften, Tarifverträge, Arbeitervereine etc. pp., die dem Individuum, der Person, kollektiv und real eine Gewährleistung für soziale Absicherung gab. Das, was wir heute Individualismus nennen, war in der Form seinerzeit nicht bekannt, denn das Kollektiv war wichtig, was hauptsächlich identitätsstiftend war, also bspw. Partei, Verein, Beruf, Arbeitgeber. Heute sprechen wir im Allgemeinen von Individualisierung als Aufwertung des Subjekts, von persönlicher Freiheit, Unabhängigkeit, nicht mehr jedem und allem hinterherlaufen zu müssen, moralisch selbst entscheiden zu können, zu wollen und zu müssen (!), was gut für einen selbst ist. Wobei die Sprengkraft in dem Wort “müssen” liegt. Denn was mit Absicherung individueller Rechte gegen den Staat und Arbeitgeber als “Positiver Individualismus” begann, endet in dem “Negativen Individualismus”: eine Entsozialisierung, die einen großen Teil der Industriebevölkerung als aggregierte Masse von eigenschaftslosen Individuen zurücklässt (Castel 2008: 405). Marx/Engels wiesen bereits in ihrem “Manifest der Kommunistischen Partei” (1848) auf die Doppelbödigkeit von Freiheit hin. Hinzu kommt heute, dass wir uns durch allerlei gesetzliche Regelungen ein sog. Wohlfahrtsparadox geschaffen haben. D.h., dass wir dadurch, dass wir als Sozialstaat (GG Art. 20, 28) Sicherheit erzeugen, auch eine große Unsicherheit bei denen erzeugen, die eben nicht an den Bestimmungen und Versicherungen (SGB) teilhaben können. Hartz IV ist prominentes Beispiel für diese Ausschlusskriterien. Arbeitsmarktflexibilisierungen seit den 1980ern und Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft (ausgehend von der Montan- u. Industriegesellschaft der BRD der Nachkriegszeit bis in die 1970er- Jahre), eröffnen viele Chancen, lassen aber auch sehr viele Personen weit zurück. Traditionelle Milieus verschwinden, neue entstehen, und die Halbwertszeit der sozialen Schichten wird immer kürzer. Dieter Scholz und Gerd Peter haben unter dem Titel “Woher die Kraft zur Veränderung nehmen?” einen Versuch unternommen, offene Fragen der Gewerkschaftsbewegung nachzuzeichnen und zu beantworten (Im “Forum Gewerkschaften“; In: Sozialismus, Hamburg, Heft 11/2008; S. 37 - 44; www.sozialismus.de). Auch empfehle ich interessierten Lesern meine Diplomarbeit mit dem Titel “Intensivierung durch Flexibilisierung”, in der ich mich 2006 mit Ursachen und Auswirkungen der Arbeitsmarktflexibilisierungen beschäftigt habe. Meine Masterarbeit schreibe ich 2009 über die nationale Dynamik von Sozialstaatsreformen in Deutschland und Dänemark; bekannt unter dem Stichwort “Flexicurity“.
Daher kann es leider kein “Weiter so wie damals” mehr geben, da wir uns heute anderen Realitäten gegenüber sehen, als zu Beginn der Industrialisierung im 18./19. Jahrhundert und auch mit anderen sozialen, politischen Realitäten konfrontiert sind als nach 1945 und in den Siebziger Jahren, oder anderen geschichtlichen Epochen. Daher kann man diesen gegenwärtigen grundlegenden Umwälzungen m. E. auch nur mit ausreichender Reflexion begegnen, aber nicht mit Frust und alten Argumenten.






